Isabelle Müller-Stewens / Bernd Ruhe: Judas: Verräter – Teufel – Heiliger? Rückblick auf einen interessanten Gesprächsabend

Wer war Judas, der im Neuen Testament Jesus an das römische Militär und die Tempelaristokratie auslieferte? Welche Motive bewogen ihn zu dieser Tat? Mit dieser Problematik setzten sich am Montag, 18. November, Isabelle Müller-Stewens und Bernd Ruhe auseinander. Es fällt auf, dass bereits vom ältesten Evangelium, das des Markus, bis hin zum jüngsten Evangelium, Johannes, das Bild des Judas immer düsterer gezeichnet wird. Spricht Markus lediglich vom „Ausliefern“ Jesu, wird Judas bei Lukas zum Verräter, in den der Teufel fährt. Matthäus weiss von Judas verzweifelter Selbsttötung zu berichten, und nach Johannes wird Judas zum abschreckenden Beispiel des vom Glauben Abgefallenen und Betrügers. Doch über allem steht das vernichtende Wort Jesu, es wäre besser für diesen Menschen, nicht geboren worden zu sein. Allerdings fällt auf, dass sich geschichtlich wenig über die Perönlichkeit des Judas ausmachen lässt und auch nicht über seine Motive. Jedes Evangelium zeichnet in seinem theologischen Interesse ein spezifisches Judasbild, so dass sich historisch wohl nur so viel ausmachen lässt: Judas gehörte dem 12-er-Kreis um Jesus an und, er ist an der Verhaftung Jesu beteiligt. Über sein weiteres Verbleiben nach der Auferstehung Jesu ist nichts bekannt; die Berichte über seinen Tod bei Matthäus und in der Apostelgeschichte sind theologisch geprägt und zeigen den schändlichen Tod eines Verräters, der Unschuldige ausliefert.
Im Mittelalter vertiefen sich die negativen Erzählungen und Aspekte rund um Judas. In der Neuzeit hingegen versuchen vor allem Schriftsteller die Persönlichkeit, die Ängste und Motive des Judas genauer zu verstehen. Eine Besonderheit stellt das erst seit Kurzem bekannte apokryphe Judasevangelium aus dem 3. Jahrhundert dar. Dieser gnostisch, also eher esoterisch geprägte Text geht von einer geheimen Absprache zwischen Judas und Jesus aus, Judas wird hier zum Mittäter am Erlösungswerk Jesu.
Einen versöhnlichen Abschluss bildete das Bild der romanischen Kirche von Vezelay / Frankreich. Es zeigt Jesus als guten Hirten, der den toten Judas auf den Schultern trägt.
Die anschließende Diskussion beim gemütlichen Apéro ermöglichte noch einen interessanten Gedankenaustausch, in dem deutlich wurde, dass die Geschichte um die Person des Judas menschlich berührt und beschäftigt.