Unsere Kirche

Karl Eschenmoser:

MÖRSCHWILER KIRCHENBAUTEN VOR DER PFARREIGRÜNDUNG 1633

Die heutige Mörschwiler Pfarrkirche wurde in ihrem Kern zwischen 1699 und 1704 erbaut. Das Innere wurde von 1783 an im Rokoko-Stil umgestaltet. Renovationen folgten sich seither in Abständen von rund einem halben Jahrhundert: 1852/53, 1892/93, 1957-59 mit Verlängerung des Kirchenschiffs um etwa fünf Meter und Anbau einer Vorhalle. Die letzte Erneuerung von 1998/99 suchte den Charakter des Rokokoraumes möglichst wiederherzustellen.

Der Chor und die anschließenden Seitenwände des Schiffes stehen zu etwa zwei Drittel ihrer Länge auf Fundamenten einer am 2. Juni 1510 eingeweihten Kirche. Aber auch dieser Bau hatte Vorgänger.

Früher mittelalterlicher Vorgängerbau

1494 entstand eine über Mörschwil hinauswirkende Sensation: Man hatte am Ostrand des Dorfes alte Mauern entdeckt, in deren unmittelbarer Nähe waren auch Gebeine gefunden worden. Keiner der damaligen Mörschwiler konnte sich an eine Begräbnisstätte oder eine steinerne Baute erinnern. Die Jahrzehnte vor Beginn der Reformation waren weltoffen, wundergläubig und vergangenheitsbegeistert zugleich – man fand rasch eine Erklärung der Funde. Mörschwil habe eben in vor Menschengedenken zurückreichender Zeit eine eigene Kirche und dabei auch einen Friedhof gehabt, ja am Ende glaubte man sogar zu wissen, dass es sich bei den aufgefundenen Gebeinen um die Reliquien heiliger Märtyrer handle.1 Zunächst scheinen nur die Überreste zweier Menschen aufgefunden worden zu sein, dann wuchs diese Zahl an, vielleicht durch das Gerücht – 1538 schreibt der 1501 geborene Stadt-Sanktgaller Leinwandherr Johannes Rütiner, es seien »sehr viele im Krieg umgekommene Körper« gewesen.2 Man kam die erstaunlichen Mörschwiler Funde auch von auswärts besichtigen, es wurden Prozessionen veranstaltet, zunächst ein Kreuz aufgestellt, dann ein Bildstock und kurz darauf eine hölzerne Kapelle errichtet. Wunderbare Heilungen wurden berichtet, die Krücken eines Geheilten bezeugten das Geschehene; manche erzählten, in Mörschwil habe es mehr und größere Wunder gegeben als in Einsiedeln.

 

Die Nachgeborenen glaubten diese wundersamen Geschichten nicht mehr, den seit 1528 reformierten Städtern waren sie wohl Grund zum Spott. Auch die 1532 zum alten Bekenntnis zurückgekehrten Mörschwiler fanden bald anderes wichtiger als den Kult mit Reliquien. Als 1957 die Pfarrkirche total restauriert wurde, wurden auch archäologische Grabungen im Kircheninneren durchgeführt. Tatsächlich kamen in etwa einem Meter Tiefe unter dem heutigen Schiffboden die ältesten Mauern zum Vorschein. Sie zeigten starke Spuren von Verwitterung, mussten also einst viele Jahre lang dem Spiel von Wind und Wetter ausgeliefert gewesen sein.4 Die längste der Mauern maß gut 14 Meter, die lnnenbreite des ummauerten Raums lag bei gut 8 Metern. – Die Deutung der Grabungsbefunde entzweite die archäologisch Interessierten von 1957 genauso wie die Leute um 1500. Hatte es in Mörschwil irgendwann im Mittelalter wirklich einmal eine Kirche gegeben, von der kein geschriebenes Dokument Zeugnis ablegte? Bereits 892 sind für Steinach und Berg Kapellen belegt könnte es das nicht auch in Mörschwil gegeben haben? Im Umkreis des Kerns des Weilers Mörschwil und der aufgefundenen Mauern verliefen wichtige alte Verbindungswege: Ungefähr dort kreuzten sich die Ost-West-Verbindung zwischen Rheineck, Rorschach und den Sitter-Übergängen einerseits, andererseits die Nord-Süd-Verbindung zwischen dem Bodensee bei Arbon, Steinach und Horn sowie Kloster und Stadt St. Gallen.

 

Eine unumstrittene Deutung der Funde unter dem Fußboden der Mörschwiler Pfarrkirche gibt es bis heute nicht. Die 1957 ausgeschöpften Möglichkeiten der archäologischen Deutung waren zu bescheiden.

Holzkapelle nach 1494

Rasch nach dem Sensationsfund von 1494 wurde eine Kapelle aus Holz errichtet, deren steinernes Fundament im heutigen Schiff der Kirche – unmittelbar westlich an die heutigen Chortreppen anschließend, etwas über 8 Meter lang und fast 51/2 Meter breit – bei den Grabungen von 1957 eindeutig und fast vollständig freigelegt werden konnte. Der bescheidene Kapellenraum umschloss mit gut 40 Quadratmetern eine um ein Drittel geringere Fläche als der heute bestehende Chor. Bei besonderen Anlässen konnte in dieser Kapelle wohl einmal ein Geistlicher aus Arbon oder aus dem Kloster St. Gallen mitwirken, aber nach kirchlichem Recht musste vor jeder beabsichtigten Feier der Pfarrer von Arbon, dessen Seelsorgebezirk die Mehrzahl der Mörschwiler Höfe angehörten, seine Zustimmung geben.

Kirchenrecht und Politik im Konflikt
Die Mörschwiler wollten mehr als eine Kapelle, sie wollten eine eigene Pfarrei mit einer großen Kirche werden. Die Gründung einer Pfarrei in Mörschwil war keineswegs leicht. Der geistliche Oberhirte des Gebietes, der Bischof von Konstanz, und der weltliche Herr, der Fürstabt von St. Gallen, verfolgten unterschiedliche Interessen. Der Bischof wollte Mörschwil bei seiner Pfarrei Arbon, die auch seiner weltlichen Gerichtsbarkeit unterstand, behalten. Er pochte auf seine frührnittelalterlichen Rechte. Der Abt dagegen wollte zur von seinem Vorgänger Ulrich Rösch (1463-1491) neu gewonnenen politischen Oberhoheit über die ganze heutige Gemeinde Mörschwil auch den pfarrherrlichen Anspruch über jene vielen Höfe erwerben, die noch zur Pfarrei Arbon gehörten. Nacktes Machtdenken als Argument in kirchlichen Fragen war verpönt – das träfste Argument für die Errichtung einer Pfarrei war die Seelsorge.

 

Wohl Anfang 1498 reiste Gebhard Hädiner, der von Abt Gotthard (1491-1504) bestellte Ammann der Gemeinde Mörschwil, über einen Bündner Pass und Como nach Rom eine wöchentliche Kurierverbindung, der sich auch Reisende anschließen konnten, bestand zwischen Lindau und Mailand seit 1322. In seinem Gepäck führte Hädiner ein an Papst Alexander VI. Borgia (1492-1503) gerichtetes lateinisches Schreiben, das man im Kloster wohl sorgfältig aufgesetzt hatte. Das Schreiben führte im Namen der Mörschwiler aus, wie wichtig für die Seelsorge die Errichtung einer eigenen Kirche in Mörschwil und wie gefährlich der bisherige weite Kirchweg nach Arbon sei, besonders in Zeiten, wenn der Bodensee über die Ufer trete. In Rom öffneten sich dem Mörschwiler Ammann die bedeutendsten Tore. Zweifellos spielte bei diesem wohlwollenden Empfang das Netz des Benediktinerordens, zu dem das Kloster St. Gallen gehörte, eine zentrale Rolle. Hädiner kehrte mit einem päpstlichen Erlass zurück, einer am Samstag, 7. April l498 gesiegelten »Bulle«, welche den Mörschwilern die Errichtung einer eigenen Pfarrei gestattete; sie gehört bis heute zu den Prunkstücken im Archiv der Orts gemeinde. Durch ein zweites päpstliches Schreiben, das am gleichen Tag ausgestellt worden war, wurde Abt Gotthard beauftragt, den Bau der Mörschwiler Kirche zu fördern und das Dorf als eigene Pfarrei von Arbon zu lösen.5

 

Mit der päpstlichen Erlaubnis ging es zügig voran. Am Montag, 23. August 1501 wurde auf Anordnung des Abtes eine Versammlung der Mörschwiler durchgeführt, in welcher die wichtigsten Grundlagen für den Bau der Kirche und deren Finanzierung geregelt wurden.6 Fast neun Jahre später war die Kirche soweit fertiggestellt, dass sie am Sonntag, 2. Juni 1510 durch den Weihbischof Balthasar Merklin im Auftrag des Bischofs von Konstanz geweiht werden konnte.

 

1510-1633: Dorfkirche ohne Pfarrer
Der Chor der neuen Kirche entsprach in den Dimensionen etwa dem heutigen Bestand, das Schiff war genauso breit wie heute, aber um ein ganzes Drittel kürzer: der damalige westliche Eingang lag etwa unter der Vorderkante der heutigen Empore. Die Kirche bot genügend Raum für die Gottesdienstteilnahme aller über 14 Jahre alten Einwohner. Seit 1511 wurden pro Woche ein bis zwei Messen gelesen; sechzehnmal im Jahr fanden feierliche Gottesdienste mit Predigt statt. Glocken und ein Uhrwerk haben im Kirchturm kaum gefehlt, aber sie werden in den Dokumenten nicht erwähnt. Der Turm erhob sich südlich des Chors, dort wo heute die Sakristei steht – erst beim Neubau nach 1699 kam der Turm auf die nördliche Seite zu stehen. Damals versetzte man auch die steinerne Fassung der Kirchturmtür: es ist der einzig unversehrt erhaltene bauliche Zeuge der gotischen Mörschwiler Kirche von 1510.

 

Mörschwil durfte aber trotz des Kirchenbaus noch keine eigene Pfarrei sein: die Geistlichen, welche den Feiern in der Dorfkirche vorstanden, kamen im Auftrag der Mutterpfarrei in Arbon, zu der die mittleren Höfe von Mörschwil seit vielen Jahrhunderten gehörte; jede geistliche Dienstleistung wurde von Arbon einzeln abgerechnet. Von den Juristen des Bischofs von Konstanz beraten, bot Arbon mit allen kirchenrechtlichen Mitteln der Errichtung einer eigenen Pfarrei in Mörschwil Widerstand.

 

Bald nach dem Kirchenbau kamen viele traditionelle Frömmigkeitsformen in Misskredit: Zwischen 1528 und 1532 bekannte sich auch Mörschwil zur Reformation. Die eben erst angeschafften spätgotischen religiösen Bildwerke in der neuen Kirche wurden damals herausgenommen und zerstört. Am 11. Oktober 1531 verlor das reformierte Zürich die Schlacht von Kappel. Der Abt kehrte darauf aus seinem Exil zurück und setzte die Rückkehr seiner Untertanen zum alten Bekenntnis durch. Die Gottesdienste in Mörschwil werden aber wohl erst einige Zeit nachher wieder regelmäßig stattgefunden haben.

 

In den konfessionellen Unruhen der Reformationszeit gab es sehr viel weniger frommes Engagement der Mörschwiler für die Errichtung einer eigenen Pfarrei als zuvor. Und der Fürstbischof von Konstanz widersetzte sich einer Abtrennung von Arbon weiterhin. Aus der reformiert gewordenen Stadt Konstanz ins sicherere Meersburg umgezogen, hatte er allerdings größte Mühe, seine eigene geistliche Position halten zu können; viele der geistlichen Oberhoheit des Bischofs unterstehenden Städte und Gebiete der Eidgenossenschaft, Württembergs und Badens waren reformiert geworden. Die Frage der Errichtung einer Pfarrei Mörschwil trieb die kirchlichen Juristen von Konstanz und Arbon über die Fürstabtei St. Gallen bis nach Rom um – aber man kam generationenlang nicht weiter.

Gründung der Pfarrei 1633

Mitten in schlimmsten Katastrophen erfolgte schließlich 1633 die Gründung der Pfarrei Mörschwil, 135 Jahre nach der päpstlichen Erlaubnis von 1498. Jenseits des Bodensees herrschte seit 1618 Krieg; Seuchen drohten. Schon 1628 durfte bei der Kirche ein Friedhof eingerichtet werden – die Toten Mörschwils mussten nun nicht mehr in Arbon bestattet werden – und nur ein Jahr später brach die schlimmste für Mörschwil belegte Pestwelle über das Dorf herein. 1629 starben in nur einem Jahr rund 400 Menschen, über ein Drittel der Bevölkerung. Der neue Friedhof konnte diese großen Opferzahlen nicht fassen, in »Pestwiesen« oberhalb Beggetwil und unterhalb Reggenschwil mussten weitere Gräberreihen angelegt werden. Zur gleichen Zeit rückte der Dreißigjährige Krieg (1618-48) bedrohlich nahe. Im Herbst 1633 belagerten protestantische Schweden sogar fast einen Monat lang das 1548 österreichisch gewordene und zur Rückkehr zum Katholizismus gezwungene Konstanz.

 

1630 gingen der neue Fürstabt Pius Reher (1630-1654) und die Mörschwiler die Pfarreifrage mit erneutem Eifer an. Man machte den Arbonern ein befriedigendes finanzielles Angebot zur Ablösung der alten Rechte. Auch der Gesandte (Nuntius) des Papstes in Luzern setzte sich für die Errichtung einer selbständigen Pfarrei ein und erteilte dem Abt die entsprechenden Kompetenzen. Am 20. Mai 1633 erfolgte der Trennungsentscheid. Obwohl der Bischof von Konstanz einen Rekurs in Rom einlegte, wurde am 17. Juni 1633 provisorisch Christian Fortunatus als Pfarrer von Mörschwil eingesetzt.7 Der Rekurs des Bischofs blieb ohne Erfolg, und so konnte die neue Pfarrei sich stabilisieren. Pfarrer Fortunatus leitete die Pfarrei 26 Jahre lang bis zu seinem Tode.

 

Pfarreierweiterung und Neubau 1699
Nicht das ganze Gebiet der Ortsbürgergemeinde Mörschwil war Teil der neuen Pfarrei. Zuerst gehörten die Höfe Straußenhaus, Staag, Hagenwil und Enggwil im oberen Teil der Gemeinde kirchlich noch zur Pfarrei St. Fiden; Hueb und Horchental hingegen waren seit mindestens 500 Jahren Teile der Pfarrei Steinach.

 

Die Einwohner von Hueb und Horchental empfanden wenig Freude dabei, einen weiten Kirchweg zu haben, obwohl doch die neue Pfarrkirche in Mörschwil so nahe lag. 1678 durften sie sich nach Bezahlung einer Ablösesumme an Steinach der Pfarrei Mörschwil anschließen. Die Bewohner von Straußenhaus, Staag und Enggwil waren dagegen in einer komplizierteren Lage: sie durften zwar seit 1634 die Gottesdienste in Mörschwil besuchen, aber sie mussten bis 1822 bestimmte kirchliche Abgaben auch an St. Fiden entrichten.

 

Da nun die Gottesdienste in Mörschwil von den Einwohnern zusätzlicher Höfe besucht wurden und die Lücken, welche die Pest in die Bevölkerung gerissen hatte, sich allmählich wieder schlossen, spürte man in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts immer stärker Platznot. 1698 schickte der Abt seinen Vertreter nach Mörschwil, damit er die Einwohner von der Notwendigkeit des Baus einer größeren Kirche überzeuge. Die Mörschwiler waren opferbereit. Man beschloss, die alte Kirche von 1510 abzutragen und die bestehenden Fundamente als Grundlage für einen nach Westen verlängerten Neubau zu nehmen.

 

Mit dem Bau wurde 1699 begonnen; 1704 war das Gebäude fertiggestellt. 1707 wurde der barocke Hochaltar geweiht. Er trägt das Wappen seines Stifters, des Fürstabts Leodegar Bürgisser (1696-1717). Das Kirchenschiff bot den Besuchern des sonntäglichen Hauptgottesdienstes bis in die 1950er Jahre Platz, erst 250 Jahre nach der Errichtung musste es 1957/58 etwas verlängert werden.

 

 

 

Arx, Ildefons von: Geschichten des Kantons St Gallen. Nachdruck der dreibändigen Ausgabe 1810-1813, Berichtigungen und Zusätze 1830 Hrsg. Stiftsarchiv St. Gallen, Rorschach, 1987

 

Grüninger, Irmgard: Die Grabungen in der Pfarrkirche St Johannes in Mörschwil. – In: Rorschacher Neujahrsblatt 1962,52. Jahrgang, S. 55-60

 

Huber, Johannes: Katholische Pfarrkirche St Johannes Baptist in Mörschwil SG. Baugeschichtliches Gutachten. Xerographiertes Typoskript im Auftrag der Katholischen Kirchgemeinde Mörschwil. 1997

 

Huber, Johannes: Pfarrkirche St Johannes Baptist in Mörschwil SG. Kunstund Kulturführer. Mörschwil, 1999

 

Rütiner, Johannes: Diarium 1529-1539. Lateinischer Text und Übersetzung. Hrsg. Ernst Gerhard Rüsch, St. Gallen 1996

 

Spiess, Emil: Mörschwil zwischen Bodensee und St Gallen. Ein Dorf im Strom der Zeit 760-1900, 2 Bände, Mörschwil, 1976

 

1 Arx, 1830,S.39f

 

2 Rütiner 1996, II, 40Sq

 

3 Arx, 1830, S. 39

 

4 Grüninger 1962, S. 55

 

5 Spieß 1976, S. 297

 

6 Spieß 1976, S. 300

 

7 Spieß 1976, S. 310

 

21. Juni 2015